Präventionsveranstaltung zum Cyber-Mobbing

Wenn das Netz zum Tatort wird

Mittwochmorgen, offene Anfangsphase in Klasse 10. Nach und nach füllt sich der moderne Unterrichtsraum. Oft ist bei den Schülerinnen und Schülern ein kurzes Innehalten auf der Türschwelle zu beobachten, denn mit Bernd Kopf steht eine Person im Zimmer, die hier offenkundig nicht „hingehört“. Kurzer Blickkontakt, freundlicher Morgengruß und dann ein Lächeln – Kopfs offenes und einnehmendes Wesen fungiert schon einmal als erster Türöffner. Seine Arme tragen bunte Tattoos, das Lachen wird von einem bauschigen Bart umrahmt und die Klamotten passen ganz gut zum Kleidungsstil der anwesenden Jugendlichen. Neugierig nehmen die Mädchen und Jungen ihre Plätze ein. Im Hintergrund gibt die Projektion der Startfolie von Kopfs mitgebrachter Bildpräsentation einen Hinweis auf das heutige Thema: „Mobbing mit neuen Medien“, ist an der Wand zu lesen.

Jetzt stellt sich Bernd Kopf seiner Zuhörerschaft kurz vor. Er ist studierter Diplom Sozialpädagoge und arbeitet in dieser Funktion am Bildungszentrum Rottweil. Man merkt sofort, dass ihm der Umgang mit Heranwachsenden nicht ganz fremd sein kann. Mit seiner ruhigen, freundlichen und bestimmten Art trifft er den richtigen Ton. „Wir werden gleich gemeinsam einen Ausflug in die virtuelle Welt eurer Smartphones unternehmen“, erklärt Kopf. Die leicht geänderte Stimmlage signalisiert bereits, dass in diesem Zusammenhang nicht nur schöne Aspekte zu erwarten sind. Aber Kopf kann nun mit der ungeteilten Aufmerksamkeit seines Plenums rechnen, weil die vielfältigen Möglichkeiten des Internets und Mobilfunks zur Alltagsrealität der Schüler zählen.

Es folgt ein stummer Impuls. An der Wand ist folgende wahre Begebenheit zu lesen: „Megan war 13 Jahre alt und über beide Ohren in eine Internet-Bekanntschaft verliebt. Als ihr virtueller Freund sie plötzlich verschmähte, erhängte sich das Mädchen. Doch der virtuelle Freund war in Wahrheit eine ehemalige Freundin, die sich rächen wollte… .“  Im Klassenzimmer kann man die Deckenlampen surren hören, so still ist es. Kopf will nun wissen, was unter „Cyber-Mobbing“ eigentlich genau zu verstehen sei. Gemeinsam mit den Schülern gelingt eine klare Definition: Cyber-Mobbing ist das absichtliche Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen anderer mithilfe moderner Kommunikationsmittel über einen längeren Zeitraum. „Ganz ehrlich“, fragt Kopf in die Runde, „wer von euch hat schon einmal so etwas erlebt?“ Zögerlich heben sich ein paar Hände. Ein Mädchen berichtet von einer längeren Leidensphase. Immer wieder sei sie über soziale Netzwerke „angegriffen“ worden, bis sie schließlich psychologische Hilfe gebraucht habe. Das verständnisvolle Nicken einiger ihrer Mitschüler lässt vermuten, dass auch schon andere Klassenkameraden ähnlich schlimme Erfahrungen machen mussten. Weitere Wortmeldungen zeigen, dass diese Problematik längst in der Mitte unserer Kinder angekommen ist.

Auch Kopf setzt sich täglich mit den Folgen des Cyber-Mobbings auseinander, da sich ihm laufend junge Opfer anvertrauen. Man merkt deutlich, wie wichtig ihm das heutige Gespräch mit den Schülern ist. Und der gemeinsame Austausch wird zunehmend lebhafter, weil sich immer mehr Jugendliche aktiv beteiligen. Problemlos arbeitet die Klasse heraus, wo die großen Gefahren lauern. So erfolge das Cyber-Mobbing in der Regel anonym und ein Eingriff in das Privatleben anderer Personen sei praktisch rund um die Uhr möglich. Zudem könne ein unüberschaubar riesiges Publikum für eine extrem schnelle Verbreitung der Hasstiraden sorgen – oft auch durch User, die das Opfer nicht einmal kennen. „Die Täter sehen gar nicht mehr, welche emotionalen Auswirkungen ihr Trommelfeuer entfaltet“, ergänzt eine Schülerin. Außerdem könne man sich im Netz nicht mehr angemessen zur Wehr setzen. Kopf nickt und gibt zu bedenken, dass sich die Opfer meist ohnehin schon in einem sehr labilen Zustand befänden. Ein Abschalten ihrer Geräte und das gedankliche Umstellen auf „Durchzug“ komme für sie nicht mehr infrage. Zudem ließen es auch die gegen ihren Willen geposteten Inhalte, Bilder und Filmsequenzen kaum noch zu, da es sich dabei in der Regel aus Sicht der Betroffenen um höchst brisantes Material handele.

 

Angesichts solcher schlimmen Auswüchse will ein Junge wissen, was dann eigentlich die Motivation der Täter sei. Einen Suizid oder andere „krasse“ Folgen wolle ja wohl niemand verantworten müssen. Kopf braucht dazu gar nicht viel zu sagen, weil sofort wieder einige Finger in die Höhe schnellen. Mobbing diene als Ventil für aufgestaute Aggressionen, ist da zu hören. Manchmal „müsse“ man sich auch beteiligen, weil der Gruppendruck so hoch sei. Bei dieser Aussage legt Kopf seine Stirn in Falten: „Sobald eine solche Eigendynamik entsteht, können alle moralischen Dämme brechen“, warnt er. Einige Schüler signalisieren betreten ihre Zustimmung. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens folgen weitere Meldungen. Es sei halt auch ein gutes Gefühl, wenn man sich selbst zu den Gewinnern zählen dürfe, setzt ein Junge das Gespräch fort. Machtausübung gegenüber anderen lasse einen selbst nun mal innerlich wachsen. Kopf lässt diese Erkenntnis unkommentiert stehen, da damit leider eine Wesensart des Menschen angesprochen sei, der sich niemand so einfach entziehen könne. Entsprechend gebe es auch vielfältige Anlässe und Auslöser für Cyber-Mobbing. Meist stünden die Angriffe in Zusammenhang mit einer längeren Vorgeschichte und seien Ausdruck für gestörte Kommunikation und mangelnde Empathie. Doch auch aus Langeweile könne sich rasch eine Situation entwickeln, die sich mit einer Kettenreaktion vergleichen lasse. Werde in einer Online-Community beispielsweise das Foto eines Mitschülers negativ kommentiert, könne sich dadurch leicht ein Streit aufschaukeln und immer weitere Kreise ziehen.

Wie gezielte Angriffe über Smartphones, Chatrooms, E-Mails, Webcams, Video-Portale, Gaming-Seiten und soziale Netzwerke konkret aussehen können, wissen die Schüler. Dass sich aber Webcams ohne großen technischen Aufwand aus der Ferne leicht fremdsteuern lassen, ist noch nicht allen geläufig. Außerdem komme es in Cliquen nicht selten vor, dass Passwörter von „fremden“ Accounts gleich mehreren Personen bekannt seien. „Und damit sind dem Mobbing Tür und Tor geöffnet“, gibt Kopf zu bedenken. Zudem unterhielten etwa 60 % der registrierten Facebook-Nutzer sogenannte Fake-Profile, um bei Bedarf mit einer falschen Identität kommunizieren zu können. Man könne sich nie sicher sein, ob man tatsächlich mit der angegebenen Person im Austausch stehe. Das anfangs skizzierte Schicksal des Mädchens Megan sei ein besonders schlimmes Beispiel dafür. Ein ebenso großes Problem stelle aber auch der überaus sorglose Umgang mit den eigenen Daten dar. Was einmal im Netz sei, habe man nie mehr unter eigener Kontrolle. Blitzschnell wanderten Fotos und Textdokumente auf die Festplatten von privaten oder kommerziellen Rechnern und könnten von nun an dezentral beliebig häufig multipliziert werden. Natürlich würden auch laufend Daten manipuliert und aus dem eigentlichen Zusammenhang gerissen. Dazu zeigt Kopf das Foto eines Schülers, welches dieser auf seiner Facebook-Seite gepostet hat. „Schaut genau hin, dieses Bild ist perfekt“, freut er sich, „hier wird alles richtig gemacht!“ Im Plenum wandern ungläubige Blicke hin und her, da nur die Rückansicht eines jungen Mannes zu sehen ist. „Aber man kann ja gar nichts erkennen“, regt sich leichter Protest. „Eben“, ruft Kopf, „eine solche Aufnahme ist für Zwecke des Mobbings völlig ungeeignet.“ Langsam beginnt sich bei den Schülern ein Verständnis zu entwickeln, was mit der geforderten Datenkontrolle gemeint sein könnte.

Facebook & Co. seien sehr gut, wenn man sie angemessen nutze, fährt Kopf fort. Er selbst pflege dort natürlich auch seine eigenen Profile. Jeder müsse sich aber stets die Tatsache vor Augen führen, dass Facebook als Werbeplattform für das noch laufende Jahr 2014 knapp acht Milliarden US-Dollar Umsatz anpeile. Für alle eingegebenen Informationen bekomme Facebook Geld, weil sämtliche Daten sofort an Partnerunternehmen weitergegeben werden. Persönliche Schicksale einzelner Nutzer stünden dabei natürlich im Schatten dieses überaus lukrativen Geschäftsmodells.

„Die rechtlichen Grundlagen sind klar“, bemerkt Kopf und listet folgende Fakten auf: 1) Bildaufnahmen jeder Art dürfen ohne Zustimmung des Abgebildeten nicht veröffentlicht werden. 2) Sind Videos oder Bilder in andere Sequenzen hineinmontiert, ist dies ein Straftatbestand. 3) Drohungen können unter Umständen ebenfalls juristisch geahndet werden. Immer sollten Betroffene die Polizei und einen Rechtsanwalt einschalten. Mit deren Hilfe könne man Unterlassungsaufforderungen an Betreiber auf den Weg bringen, Strafanträge stellen und Schadensersatzansprüche geltend machen. Mobbing-Opfer sollten ihre Not unbedingt mit Vertrauenspersonen teilen. „Und allen möchte ich sagen: wer wegschaut, ist Teil des Mobbings. Helft euch gegenseitig und begegnet euren Mitschülern mit Aufmerksamkeit“, schließt Kopf die Runde. Hilfe wird auch im Netz angeboten: www.schueler-gegen-mobbing.de  / www.schuelernotruf.de  / www.mobbing.net  / www.schueler-mobbing.de  / www.klicksafe.de  / www.kidsmobbing.de

Wir bedanken uns bei Bernd Kopf für diese eindrückliche Veranstaltung. Weitere Klassen folgen.

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